Genom-Analyse: So gelangte das HI-Virus in die Vereinigten Staaten

Genom-Analyse: So gelangte das HI-Virus in die Vereinigten Staaten

Eine aktuelle Genom-Analyse hat sowohl den ungefähren Weg als auch den ungefähren Zeitraum offengelegt, in dem das HI-Virus in die USA gelangt ist. Als Datengrundlage dienten dabei Blutproben von homosexuellen Männern, die Ende der 1970er Jahre aufgrund einer Hepatitis-B-Analyse entnommen wurden.

Das Ergebnis: HIV ist um das Jahr 1970 herum über die Karibik nach New York gelangt. „Patient Null“ Gaétan Dugas, der lange Zeit als Verbreiter des Virus in den USA galt, konnte zudem entlastet werden. Er gehörte gar nicht zu den ersten Infizierten innerhalb der USA.

Was Michael Worobey und seine Kollegen noch mithilfe ihrer Genom-Analyse herausgefunden haben, erfahren Sie im folgenden Artikel.

Studie legt Ursprung der HIV-Epidemie in den USA offen

Die Genom-Analyse wurde an der University of Arizona in Tucson unter der Führung von Michael Worobey durchgeführt.

Als Datengrundlage dienten dabei mehr als 2.000 Blutproben, die Ende der 1970er Jahre bei Hepatitis-B-Patienten in New York und San Francisco entnommen wurden. Bei sämtlichen Patienten handelte es sich um Männer, die ungeschützten, gleichgeschlechtlichen Verkehr hatten.

Das Zwischenergebnis: In den Jahren 1978 und 1979 enthielten bereits 6,6 Prozent aller Blutproben aus New York Antikörper gegen eine weit verbreitete HIV-Variante. In San Francisco waren es zu diesem Zeitpunkt immerhin bereits 3,7 Prozent. Die HIV-Variante war der Subtyp B HIV-1 aus der Gruppe M.

Das Erbgut der damaligen HI-Viren wurde anschließend mithilfe von acht dieser Blutproben entschlüsselt. Das Ergebnis: Das HI-Virus, das sich innerhalb der USA verbreitet hat, stammte ursprünglich aus der Karibik. Davor gelangte das Virus vermutlich ohne Umwege von Afrika direkt in die Karibik.

Laut Genom-Analyse war das Virus zwischen 1963 und 1970 erstmalig in der Karibik aktiv. Folglich muss es zwischen 1969 und 1973 in den USA eingetroffen sein.

Weiterer Verlauf in den USA

Ab dem Zeitpunkt der erstmaligen Infektion in den USA, hat sich die Zahl der Infizierten circa alle zehn Monate verdoppelt. Während es zuerst nur an der Ostküste aktiv war (in New York), fand es im Jahr 1976 seinen Weg nach San Francisco. Das erklärt auch, warum es bei den Blutproben aus New York ungefähr doppelt so viele Patienten gab, die bereits Antikörper gegen das HI-Virus gebildet haben. HIV hatte dort einfach mehr Zeit, sich auszubreiten.

Im Jahr 1977 gab es in den USA bereits mehr HIV-positive Menschen als in der Karibik insgesamt. Die Krankheit wurde in den USA erstmalig im Jahr 1981 beschrieben. Im Jahr 1983 stand fest, dass das HI-Virus die Ursache für die Krankheit ist.

Forscher sind sich heutzutage einig, dass der ausufernde Lebensstil der New Yorker ein Glücksfall für das Virus war. In anderen Städten – zum Beispiel in kleineren Dörfern – hätte sich das Virus mit Sicherheit nicht so schnell verbreitet.

Patient Null“ wurde entlastet und entdämonisiert

Die Genom-Analyse hat nicht nur gezeigt, wann sich das Virus wo ausgebreitet hat, sondern auch, dass der Flugbegleiter Gaétan Dugas nicht derjenige war, der das HI-Virus in den USA verbreitet hat. Bereits vor ihm gab es infizierte Personen in den USA, die unbewusst dafür gesorgt haben, dass der Funke überspringen konnte.

Mit diesen Aussagen nimmt man insbesondere Verschwörungstheoretikern den Wind aus den Segeln, die behaupten, Dugas habe das Virus sogar absichtlich verbreitet.

Der Fall von Dugas wurde nur deshalb so bekannt, weil er eng mit den Gesundheitsbehörden zusammengearbeitet hat. Außerdem hatte er einen recht einprägsamen Namen, sodass er schnell zum Sündenbock für einen Großteil der Gesellschaft wurde.

Besonders interessant: Dugas wurde durch eine unsaubere Handschrift zum „Patienten Null„. Ursprünglich wurde er mit „Patient O“ in die Liste aufgenommen, wobei das „O“ für „Outside“ stand. „Outside“ bezieht sich darauf, dass Dugas nicht aus den USA stammt. Dieses „O“ wurde später fälschlicherweise für eine Null gehalten, sodass Dugas zum „Patienten Null“ wurde.

Erkenntnisse sind lediglich ein Tropfen auf dem heißen Stein

Der Wanderweg und die ungefähren Zeiträume der Verbreitung wurden durch die vorliegende Studie ein wenig konkretisiert. Dennoch handelt es sich bei den Erkenntnissen lediglich um den berühmten Tropfen auf dem heißen Stein. Den genauen Ursprung von HIV kennt man nämlich immer noch nicht.

Eine recht populäre Hypothese besagt allerdings, dass das HI-Virus deshalb entstanden ist, weil sich Anfang des 20. Jahrhunderts mehrere Menschen mit dem SI-Virus infiziert haben. Dabei handelt es sich um das „Simian Immunodeficiency Virus„, das vom Affen auf den Menschen übertragen wurde. HIV hat sich vermutlich daraus entwickelt.

Die aktuell weit verbreitetste Form von HIV ist die Variante „HIV-1 M„. Diese ist vermutlich um 1920 herum in Kinshasa entstanden. Gegen 1960 gelangte das Virus in die Karibik und von dort aus in die USA.

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